PG Mainschleife

Jahresrückblick mit dem Gebet der liebenden Aufmerksamkeit

Nachdem die beiden Weihnachtsfeiertage vorbei sind, geht der Blick schon auf Silvester, den Jahresschluss und den obligatorischen Rückblick auf das Jahr 2020. Da war ganz viel verkorkst. Die schönen Tage z.B. die Faschingsfreude und der jährliche Antrieb zu neuen Ideen und Taten Januar bis März gehen dabei rasch unter. Corona hat das Jahr bestimmt. Der Umgang mit diesem Virus ist nach wie vor gerade emotional sehr schwierig.

Wenn die Experten und die Verantwortlichen in Kirche und Gesellschaft die Schutzvorschriften diskutieren, werden die sogenannten sachlichen Argumente stark emotional diskutiert. Dann kommen die auf den Plan, die die Gefährdung anders einschätzen als andere. Da werden sachliche Argumente für emotionale Entscheidungen teilweise aus großer persönlicher berechtigter und verständlicher Angst herbeigerufen.  Die Politiker regieren hier per Notstandsgesetz fast ohne Parlament, Verantwortliche fegen auch in den Kirchen teilweise unter Berufung auf die staatlichen Vorschriften - ohne dabei die eigene emotionale Beteiligung zuzugeben – über die Bedürfnisse und Gefühle der Menschen hinweg. Gewählte Gemeinde Vertreter in Stadt, Land und Kirche haben nichts mehr zu sagen. Ob das so gut ist, trotz allem raschen Handlungsbedarf?

In der Lesung vom heutigen 29. Dezember aus dem 1. Brief von Johannes steht „Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht; da gibt es für ihn kein Straucheln.“ Unser Jahresrückblick mit oder ohne Partner und Familie sollte unter dem Blickwinkel dieser Bruderliebe erfolgen. Ignatius von Loyola empfiehlt hier auch für den täglichen Rückblick das „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“  Das heißt erstmal mit Offenheit und Sympathie hinhören, was die Gedanken, Sorgen und Gefühle des anderen und auch meine eigenen sind.

Schnell kommt bei frisch Verliebten, bei langjährigen Paaren oder bei Eltern und Kindern das Gefühl auf, den anderen zu verstehen und zu wissen, was er/sie brauchen. Vielleicht können wir gerade in Zeiten des Lockdown, wo wir mehr Zeit haben, uns die Zeit nehmen, dem anderen aufmerksamer zuzuhören, dessen oder derer Ängste und Gefühle, aber auch Hoffnungen und Stärken wahrzunehmen, ebenso wie die eigenen - mit der Methode der liebenden Aufmerksamkeit. Die Chance, sich menschlich viel näher zu kommen und mehr vom Handeln des anderen zu verstehen, einen gemeinsamen Weg zu finden, ist sehr groß-

Das könnte auch positive Auswirkungen auf meinen Arbeitsplatz haben, wenn sich Mitarbeiter/innen untereinander wie auch mit ihren Vorgesetzten plötzlich verletzlich zeigen und so wesentlich bessere Lösungen als reine Disziplin und Effektivität erreichen, ja vielleicht auch gerade durch diese nicht ganz neue (biblische) Methode.

Das alles nur ein Traum eines Träumers, der nicht bereit ist, mit der Realität in Kirche und Gesellschaft zu leben?

Oder vielleicht doch gute Voraussetzungen für das Neue Jahr 2021 und  die vielen noch unbekannten Herausforderungen.

Josef Gerspitzer, Pastoraler Mitarbeiter

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